Torquato Tasso
Ein Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe
Samstag 04.02.2012 / 20.00 Uhr
Premiere / Neues Schauspielhaus





Inhalt
Herzog Alfons von Ferrara weilt mit seiner Schwester der Prinzessin Leonore und der Gräfin Leonore von Scandiano auf seinem Schloss in Belriguardo. Stargast der Sommerfrische ist der junge Dichter Tasso. Gerade hat er sein neuestes Werk abgeschlossen und bedankt sich bei seinem Mäzen für dessen Förderung. Der Herzog und beide Damen sonnen sich im Spiegel von Tassos Künstlertum bis mit der Ankunft des Staatssekretärs Antonio die Geschäfte und der Alltag in Belriguardo einbrechen. Dank Antonios Geschick ist ein wichtiger Deal mit dem Papst gelungen: »Italien soll ruhig sein!« In der Folge geraten Dichter und Staatssekretär nicht nur verbal aneinander. Der Versuch, das gute Leben auf Belriguardo von den Höhen und Tiefen der Realität abzuschirmen, ist misslungen. Psychische Abhängigkeiten und persönliche Abgründe der Protagonisten befördern die Ereignisse in Goethes klassischem Schauspiel an den Rand der Tragödie.
Regisseurin Nora Somaini interessiert an Goethes »Tasso« die Spannung zwischen der präzisen hohen Sprache und der Widersprüchlichkeit seiner Protagonisten. Goethes »Tasso« provoziert zum Nachdenken über eigene Positionen und persönliches Engagement. Die Abhängigkeit des Künstlers von der Macht und dem Geld scheinen zeitlos und die Differenz zwischen den Gewinnern und Verlierern der Krisen wächst weiter an.
Herzog Alfons von Ferrara weilt mit seiner Schwester der Prinzessin Leonore und der Gräfin Leonore von Scandiano auf seinem Schloss in Belriguardo. Stargast der Sommerfrische ist der junge Dichter Tasso. Gerade hat er sein neuestes Werk abgeschlossen und bedankt sich bei seinem Mäzen für dessen Förderung. Der Herzog und beide Damen sonnen sich im Spiegel von Tassos Künstlertum bis mit der Ankunft des Staatssekretärs Antonio die Geschäfte und der Alltag in Belriguardo einbrechen. Dank Antonios...
Pressestimmen
„Indem Somaini die Würdigung als herrschaftliches Machtinstrument kennzeichnet, liest sie Goethes Drama als heutige Parodie auf den staatlich gesteuerten Kulturbetrieb. […] Der neue ‚Torquato Tasso’ am Bemer Theater leuchtet das Verhältnis zwischen Macht und Kunst bis in den hintersten Winkel aus. Ein solches Unterfangen kann leicht in ein theoretisches Seminar münden. In Bremen aber versteht es das darstellerische Personal, dieses komplexe Gefüge in einer ungeahnten Leichtigkeit aufzuzeigen. Das gilt für Thomas Hatzmann, der die emotionalen Angriffspunkte im so forschen Auftreten seiner Figur deutlich macht. Und das gilt auch für Franziska Schubert und Varia Linnéa Sjöström, die las Hofdamen eine mehr subversive Variante der politischen Einflussnahme auf den Künstler offenbaren. Wahrhaft großartig aber ist Martin Baum doppelbödiges Spiel des Machtmenschen Alfons: ein Landesvater von knallharter Güte, ein Menschenfreund, der seine Untertanen umarmt, bis sie ersticken.“
(Johannes Bruggaier, Kreiszeitung)
„Martin Baum als Alfons ist toll als jovialer, rülpsender und selbstgefälliger Herrscher, während Antonio (Alexander Swoboda) in strengem Bürokraten-Look mit Korsett schon bald die Maske fallen lässt und zum eifersüchtig rasenden Wüterich explodiert, der sich mit Tasso um die Gunst des Herzogs in die Wolle gerät.
(Andreas Schnell, Nachtkritik)
„Indem Somaini die Würdigung als herrschaftliches Machtinstrument kennzeichnet, liest sie Goethes Drama als heutige Parodie auf den staatlich gesteuerten Kulturbetrieb. […] Der neue ‚Torquato Tasso’ am Bemer Theater leuchtet das Verhältnis zwischen Macht und Kunst bis in den hintersten Winkel aus. Ein solches Unterfangen kann leicht in ein theoretisches Seminar münden. In Bremen aber versteht es das darstellerische Personal, dieses komplexe Gefüge in einer ungeahnten Leichtigkeit aufzuzeigen....
Weitere Texte
»Während der Dichter Torquato Tasso im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts sein Heldenepos ›Das befreite Jerusalem‹ schrieb, das zum Lobpreis der Gegenreformation gedacht war und die Utopie eines erneuerten ›Heiligen Kriegs‹ herbeibeschwor, geschahen in Frank-reich die tausendfachen Morde der Bartholomäusnacht, tobten die Hugenottenkriege, verfolgte die Inquisition Glaubensminoritäten in ganz Europa. Während Goethe zwei Jahrhunderte später seinen Tasso abschloss, in dem die politische Realität des historischen Vorwurfs in der nervösen Spannung zwischen Genie und Gesellschaft verinnerlicht wurde, brach mit dem Sturm auf die Bastille nebenan in Frankreich ein Zeitalter der revolutionären Emanzipation heran. Während Peter Stein, wiederum etwa zweihundert Jahre später (in Bremen), seine Version des Goetheschen Tasso auf der Bühne vorzeigt, weisen zur gleichen Zeit revolutionäre Bewegungen und Kämpfe in allen Teilen der Erde auf die Fragwürdigkeit jeglicher ästhetischen Produktion hin. Zur Substanz des Tasso mag gehören, dass er sich zu der Gegenwart, in der er entstand, gleichwie zu derjenigen, in welcher man sich mit dem Stück auseinandersetzt, entlegen, wenn nicht gar reaktionär befindet.«
(Botho Strauß, Theater heute 5/1969)
Herzog Alfons von Ferrara weilt mit seiner Schwester, der Prinzessin Leonore, und der Gräfin Leonore von Scandiano auf seinem Schloss in Belriguardo. Stargast der Sommerfrische ist der junge Dichter Tasso. Gerade hat er sein neuestes Werk abgeschlossen und bedankt sich bei seinem Mäzen für dessen Förderung. Der Herzog und beide Damen sonnen sich im Spiegel von Tassos Künstlertum bis mit der Ankunft des Staatssekretärs Antonio die Geschäfte und der Alltag in Belriguardo einbrechen. Dank Antonios Geschick ist ein wichtiger Deal mit dem Papst gelungen: »Italien soll ruhig sein.« Eifersucht und Neid keimen zwischen dem Dichter und dem Staatssekretär auf. Beide geraten nicht nur verbal aneinander und Prinzessin Leonore zieht sich aus der platonischen Liebesbeziehung zu Tasso zurück. Der Versuch, das Gute Leben auf Belriguardo von den Höhen und Tiefen der Realität abzuschirmen, ist misslungen. Psychische Abhängigkeiten und persönliche Abgründe der Protagonisten befördern die Ereignisse in Goethes klassischem Schauspiel an den Rand der Tragödie. Oder ist all das doch nur ein Spiel über die Egozentrik, das Gute Leben und die großen und kleinen Fluchten der Eliten an der Macht?
»Wenn man sich für Das Gute Leben entschlossen hat, wenn man von Konstitution her sich befähig fühlt zu Genuß Spaß Ausschweifung Fröhlichkeit Vergnügen, wenn man also von Geburt an gewissermaßen auf der richtigen Seite des Lebens steht, dann macht man gefälligst eine Karriere, und zwar unaufhaltsam. Dann geht man in irgendeine dieser Institutionen hinein, das kann die GGK sein oder der WDR oder der BND, und fegt am Rest derer die sich da so nach dem Institutionskriechergesetz hochsitzenundkriechen in einem solchen Tempo vorbei, dass dem Rest der Atem stockt und die Ohren ab und steif werden. So geht das. Und als Ausgleich dafür, dass man immer mehr Macht hat, immer mehr Geld, sich die schönen Menschen immer noch unaufgeforderter mit ihren schönen Körpern vor einem auf den Boden, auf die Couch, über die Tischkante, auf die Badezimmerfliesen werfen, genau so wie mans gerade gern möchte, um einem als Lustbringer zudiensten sein zu dürfen, nimmt man in der nächsten Etage noch mehr Macht, noch mehr Geld und noch mehr Spaß locker ohne falsche Scham imperial großzügig und wohlgelaunt entgegen. Hat man das, auch hier natürlich mit einem IQ nicht unter 140, zehn Jahre lang gemacht, ist man Mitte Dreißig oben angekommen, ist also nicht mehr ganz jung aber immer noch kein Greis, und genießt fortan das Leben.«
(Rainald Goetz, aus »Gewinner und Verlierer«, Spex, Februar 1984)
Im März 1788 schrieb Goethe aus Rom an Herzog Karl August über den Fortgang seiner Arbeit am »Torquato Tasso«. Er erinnerte sich sehr wohl, dass der Herzog ihm einst »davon« abgeraten hatte. Aber »aus dem Innersten« seiner Natur entstand der »Reiz«, der ihn »zu diesem Gegenstande führte«. War dies Goethes kleine Rebellion gegen seinen Herzog oder nur die künstlerische Konsequenz seiner persönlichen Fluchtbewegung? 18 Monate zuvor war Goethe heimlich von Weimar nach Rom gereist. Nachträglich erst hatte er um die Erlaubnis beim Herzog nachgesucht. Zehn Jahre Dienst am Hofe und in der thüringischen Landespolitik lagen hinter dem gefeierten Kultautor des »Werther«. Doch kein vergleichbares schriftstellerisches Werk war ihm in dieser Zeit gelungen. »Der schmerzliche Zug einer leidenschaftlichen Seele, die unwiderstehlich zu einer unwiderruflichen Verbannung hingezogen wird« verließ ihn auf seiner italienischen Reise »trotz aller Zerstreuung und Ablenkung« nie. Im Juni 1789 war sein »Tasso in der letzten Revision und ging sogleich in den Druck«. Keinen Monat später stürmte das hungernde Volk von Paris die Bastille.
Goethe fand in Italien zu seiner klassischen Form. Seine Verse, der hohe Ton und die Einheit der Handlung, in seiner »Iphigenie« zum ersten Mal erprobt, kamen in »Torquato Tasso« zur Vollendung. Der Idealismus und die Widersprüchlichkeit klassischer Konfliktkonstellationen zwischen Herr und Diener, Kunst und Existenz, Macht und Ohnmacht treiben seinen Titelhelden in den Wahnsinn. Goethe selbst kehrte im selben Jahr in den Weimaraner Staatsdienst zurück und widmete sich bis zu seinem Tode verstärkt der naturwissenschaftlichen Tätigkeit und seinen Memoiren. Hatte er sich mit dem Selbstmord seines Werther einst vor der Not und Verzweiflung des Sturm und Drang schreibend gerettet, verhalf ihm die Arbeit an seinem »Tasso« zur Aussöhnung seiner persönlichen Krise zwischen Genie und Macht.
Regisseurin Nora Somaini interessiert an Goethes »Tasso« die Spannung zwischen der präzisen hohen Sprache und der Egozentrik seiner Protagonisten. Wo gewinnt Sprache Macht und warum? Wann wird aus idealistischer Schwärmerei reaktionäre Weltabgewandtheit und welche Macht haben Ablenkung, Unterhaltung und Zerstreuung in unserer monetären Welt? Goethes »Tasso« provoziert zum Nachdenken über eigene Positionen und persönliches Engagement. Die Abhängigkeit des Künstlers von der Macht und dem Geld scheinen zeitlos und die Differenz zwischen den Gewinnern und Verlierern der Krisen wächst weiter an.
»Geschichte
Mein Lieblings-Bettler an der 6. Avenue, an dem ich täglich vorbei gehe auf meinem Weg zum Zeitungsstand, er kauert da an immer der gleichen Wand, bei Regen eine Plastiktüte über den langen düsteren verfilzten Haaren, eine Idee die ich so gut finde, dass ich sie gleich übernommen habe, kauert auf so einem Stückchen Karton, die Beine Inder-gleich zusammengefaltet, die Füße am Po, murmelt Bettlerworte vor sich hin, und erzählt den Vorbeigehenden auf einem abgewetzten Stück Karton hin gekrakelt diese Geschichte: Hungry. Homless. Need Food. Thank You.«
(Rainald Goetz, aus »Gewinner und Verlierer«, Spex, Februar 1984)
Andrea Koschwitz
»Während der Dichter Torquato Tasso im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts sein Heldenepos ›Das befreite Jerusalem‹ schrieb, das zum Lobpreis der Gegenreformation gedacht war und die Utopie eines erneuerten ›Heiligen Kriegs‹ herbeibeschwor, geschahen in Frank-reich die tausendfachen Morde...
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